Flugsicherheit

Russischen Fluggesellschaften wird oft mit Vorbehalt begegnet. Dies ist teilweise berechtigt und teilweise nicht. Aber auf völlig anderen Gebieten als man gemeinhin meint:

Die Luftflotte der russischen Fluggesellschaften besteht grob aus zwei sehr unterschiedlichen Flugzeugvarianten: Zum einen Muster aus russischer Bauart wie Tupolev oder Iljuschin, zum anderen aus Typen westlicher Bauart wie Airbus. Die russischen Modelle sind nicht selten schon recht alt, 30 oder sogar an die 40 Jahre können durchaus vorkommen. Man kann das teilweise an den gläsernen Bugkanzeln erkennen, mit denen früher auch zivile Flugzeuge ausgestattet wurden, um sie im Bedarfsfall auch für militärische Zwecke benutzen zu können. Streng genommen sind es eher umgekehrt militärische Flugzeuge, die für zivile Zwecke benutzt werden. Was für den Laien deshalb im ersten Moment befremdlich, aufgrund des augenscheinlichen Alters auch etwas erschreckend wirkt.

Nur, so merkwürdig das jetzt klingt, gerade diese Maschinen sind ausgesprochen sicher. Denn Militärflugzeuge sind aufgrund ihres potentiellen Verwendungszweckes immer erheblich robuster gebaut als zivile Maschinen. Insbesondere russische Militärflugzeuge zeichnen sich durch eine Robustheit aus, die weit über vergleichbaren westlichen Mustern liegt. Nach dem Motto: Einfach und ohne elektronischen Firlefanz, dafür solide und sicher.

Andererseits muss man oft sehr tief Luft holen, wenn man in so einen alten Rosinenbomber einsteigt, und wird mit losen Decken- und Seitenverkleidungen im Innenraum konfrontiert, mit nur halb befestigten Deckenleuchten, schmuddeligen und total verschlissenen Sitzen, deren konstruktiver Aufbau aus einer Stoffbespannung um einen Stahlrohrrahmen besteht, sowie Toiletten, wo man das Gefühl nicht los wird, dass man beim Abziehen nach draußen raus gesogen wird. Das sind keine Vorurteile, dass habe ich persönlich mehr als einmal in Russland erlebt.

Das fliegerische Können russischer Piloten ist jedoch ohne jeden Zweifel ausgezeichnet, und steht hiesigen in keinster Weise nach. Im Gegenteil, bei Landungen auf total vereisten oder verschneiten Pisten, was in Russland im Winter auf Provinzflughäfen üblicher Standart ist, würde ich mich immer eher einem russischen Piloten anvertrauen als einem hiesigen. Wenn es bei russischen Piloten erhebliche Mängel gibt, so sind das deren mangelhafte englische Sprachkenntnisse. Innerhalb Russlands ist das kein Problem, denn dort findet keinerlei Kommunikation auf Englisch statt. Aber bei Flügen Richtung Westen ist dies zwingend erforderlich, was im Einzelfall zu sehr kritischen Situationen führen kann:

Beim Zusammenstoß zwischen der Tupolew der Bashkirian-Airlines mit einer Boing von DHL im Sommer 2002 überm Bodensee verfügte der Flugkapitän der russischen Maschine über keinerlei Englischkenntnisse, die Kommunikation vom Flugzeug zu den diversen Flugleitstellen fand über den Kopiloten statt. Das war zwar in keinster Weise ursächlich für den Zusammenstoß, aber in kritischen Momenten, wo es unter Umständen auf zehntel Sekunden ankommen kann, wäre es fatal wenn entscheidende Informationen erst übersetzt werden müssen oder falsch verstanden werden. Hier herrscht bei osteuropäischen Fluggesellschaften, die nur sporadisch Richtung Westen fliegen, noch sehr viel Nachholbedarf.

An diesem Beispiel kann man nebenbei auch deutlich sehen, dass Fremdsprachenkenntnisse in Russland bis heute insgesmt in der Bevölkerung nur marginal vorhanden sind. Auch die Stewardessen auf innerrussischen Fluglinien sprechen nur sehr wenig bis überhaupt kein Englisch. Die wesentlichen Probleme russischer Fluggesellschaften liegen aber auf völlig anderen Gebieten:

Zum einen sind sie einem erheblichen Kostendruck ausgesetzt, der den Wartungszustand der Maschinen kontinuierlich verschlechtert. Wären die alten halbmilitärischen Tupolevs und Iljuschins nicht so robust konstruiert worden, es hätte unter Umständen schon mehr Unglücke gegeben. Was zu der Schlussfolgerung führt, dass die Verwendung von Maschinen westlichen Typs nicht zwangsläufig auch hohen Wartungslevel beinhaltet. Denn Ersatzteile von Airbus und Boing sind natürlich erheblich teurer als Ersatzteile von russischen Herstellern. Mittlerweile hat es aber auch in Russland eine ”Bereinigung” unter den vielen kleineren Fluggesellschaften gegeben, die Anfang der 1990er Jahre aus der Zersplitterung der alten ”Sowjet-Aeroflot” hervor gingen. Was zur Folge hat, dass die verbliebenen Fluggesellschaften nicht mehr in dem Maße einem Kostendruck unterworfen sind, welcher auch direkte Auswirkungen auf den Wartungszustand bzw. die Flugsicherheit hat. Andererseits steigen dadurch natürlich die Flugpreise. Flüge von Moskau nach Stavropol sind heutzutage häufig teuer als Flüge von Deutschland nach Moskau, obwohl der innerrussische Flug über 1.000 km kürzer ist.

Ein weiteres hohes Sicherheitsproblem bei russischen Fluggesellschaften liegt ausgerechnet in der Person des russischen Flugpassagiers. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Russen ein Flugzeug als fliegerische Variante einer Marschrutka ansehen (Marschrutkas = Alte Kleinbusse, meist hoffnungslos überfüllt, und mit Unmengen von Gepäck beladen). Es ist einem Russen ein Gräuel, sein Fluggepäck am Gepäckschalter aufzugeben. Zu viel wird vom Flughafenpersonal aufgebrochen oder vollständig gestohlen. Stattdessen nimmt er sein Gepäck mit in den Innenraum des Flugzeuges, und stapelt es dort, wo gerade Platz ist. Das kann auf den Vordersitzen sein, unter den Sitzen, und natürlich vor sämtlichen Notausgängen. Wer es nicht mit eigenen Augen erlebt hat wird vieles nicht glauben. Hier ein Beispiel, was ich selber auf einem Flug von Stavropol nach Moskau bei der mittlerweile aufgelösten Fluggesellschaft KMV erlebte:

Es gilt bei allen Fluggesellschaften in der ganzen Welt das eiserne Gesetz, dass Notausstiege niemals zugestellt werden dürfen, und grundsätzlichen sollen auf den Plätzen am Notausstieg niemals augenscheinlich schwächliche Personen oder Kinder sitzen. Nun ist es so, dass ich immer versuche einen Platz an einem Notausstieg zu bekommen. Nicht aus Angst vorm Fliegen (ich habe Luftfahrttechnik studiert), sondern aufgrund der dort vorhandenen größeren Beinfreiheit. So saß ich denn auch bei einem Rückflug von Stavropol nach Moskau am hinteren Notausstieg, der sich in der alten Tupolev auf Höhe der letzten und vorletzten Reihe befindet. Wer beschreibt aber meine Verwunderung, als sich ein paar Minuten später ein russisches Filmteam in der Reihe vor mir nieder ließ, und seine gesamte Kameraausrüstung an der Notausstiegstür hoch stapelte.

Damit aber nicht genug, bemerkte ich ein paar Minuten später eine gewisse Unruhe vorne im Flugzeug. Hervor gerufen wurde diese Unruhe durch eine alte, etwas gebrechlich wirkende Dame, die von einem Riesenvieh von Hund nach hinten geleitet wurde. Dieser Wuff, ein ausgewachsener Kaukasischer Hirtenhund, hatte das Bedürfnis sich zunächst gemütlich auf meinem Schoß nieder zu lassen. Dazu muss man wissen, dass gegenüber einem Kaukasischen Hirtenhund ein normaler Schäferhund eher als Welpe erscheint. Dieser Fellberg war also zunächst bei mir, und musste mit vereinten Kräften auf die andere Seite bugsiert werden. Dort lag er dann ruhig während des ganzen Fluges unmittelbar vor der dortigen Notausstiegstür. Wäre es zu einer Notlandung gekommen, niemand in der Maschine hätte eine Chance gehabt über die hinteren Notausstiege raus zu kommen: Rechts auf meiner Seite alles bis zur Kabinendecke mit Filmkameras und Zubehör voll gestapelt, und links lag dieses Felltierchen, welches mit Sicherheit niemanden vorbei gelassen hätte. Kaukasische Hirtenhunde gehören nicht unbedingt zu den zahmsten Hunderassen, und so ein Tier überhaupt in die Kabine zu lassen ist ausgesprochen heftig (Aber schön sind diese Hunde, dass muss man ihnen lassen).

Ich bin überzeugt, das die hohe Anzahl von Toten beim Flugzeugunglück vom Irkutsk im Juli 2006, als ein Airbus der Sibir-Airline bei der Landung von der Landebahn abkam, ihre Ursache darin hat, dass die Menschen wegen zugestellter Ausgänge und Notausgänge keine Chance hatten, aus dem brennenden Flugzeug heraus zu kommen. Natürlich werden offizielle Stellen in Russland das niemals zugeben. Aber jeder, der schon einmal innerhalb Russlands mit rein innerrussischen Airlines geflogen ist wird mir zustimmen, dass die Unsitte der russischen Passagiere, sämtliches Gepäck bis hin zum Sperrgut als ”Handgepäck” mit in die Kabine zu nehmen, dramatische Ausmaße angenommen hat. Für Flüge von und nach Deutschland gilt das allerdings nicht. Auch nicht bei russischen Airlines. Zwar kann man immer wieder das Murren von Passagieren hören wenn ihnen am Abfertigungsschalter bedeutet wird, dass sie diesen oder jenen Koffer nicht als Handgepäck an Bord nehmen dürfen, aber im Großen und Ganzen kommen sie damit nicht durch.

Ebenfalls kritisch ist der Zustand russischer Flughäfen in der Provinz. Nicht jeder Flughafen ist mit einem Instrumenten-Landeflugsystem ausgestattet, und selbst wenn, dann eher in einer einfacheren Variante. Auch sind die Landebahnen teilweise in einem schlechten Zustand.

Dennoch, trotz all dieser negativen Umstände ist das Fliegen in Russland nichts, wovor man Angst haben müsste. Auch hier passieren trotz modernster Technik fürchterliche Unglücke wenn der Faktor Mensch versagt, wie z.B. beim Zusammenstoß im Jahr 2002 über dem Bodensee.