Kaukasus-Völker & Sprachen

Kaukasus - Die Region zwischen Europa und Asien, mit der die ältesten Sagen der Menschheitsgeschichte verknüpft sind: Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte und Wissen vermittelte, wofür er von Zeus fürchterlich bestraft wurde, indem er ihn an einen Felsen im Kaukasus ankettete. Übrigens eine Sage, die vom Thema her weitestgehend identisch ist mit der biblichen Erzählung über den Engel Azazel aus der Zeit vor der Sintflut, der wie Prometheus der Menschheit Wissen vermittelte und ebenfalls dafür von Gott fürchterlich bestraft wurde. Dann die Sintflut mit der Arche Noah, die laut uralter kaukasischer Sagen zuerst kurz am Elbrus gestrandet sein soll, bevor sie dann endgültig ein paar hundert Kilometer weiter südlich am Ararat zum Stillstand kam. Nicht zu vergessen die Sagen über die Argonauten, das goldene Flies, Kolchis, Herkules, was und wen auch immer. Und sogar die biblische Erzählung über den Turm zu Babel könnte vielleicht einen völlig anderen Ursprung haben als bislang vermutet, wenn wir uns den alten arabischen Namen für den Elbrus betrachten: ”Dschabal al-alsun” - Berg der Sprachen. Denn Kaukasien ist das sprachlich bunteste Gebiet des gesamten eurasischen Großkontinents. Nur auf der Insel Neu-Guinea nördlich von Australien soll es noch mehr Sprachen geben als im Kaukasus. Je nach Quelle und insbesonderer politischer Ausrichtung werden für den Kaukasus zwischen 80 bis 300 Sprachen angegeben, die nicht nur mehreren großen Sprachfamilien angehören, auch etliche Dutzende Inselsprachen finden sich in den versteckten und unzulänglichen Täler. Sprachen, die es nur dort gibt, die mit keiner anderen Sprache oder Sprachfamilie verwandt sind, und deren Ursprung bislang nicht festgestellt werden konnte. Und jede dieser Sprachen bzw. Dialekte steht für ein eigenes Volk mit eigener Kultur:

Im zentralen Raum zwischen Großem und Kleinem Kaukasus und südwestlich davon haben sich Völker der georgisch-mingrelischen Sprachgruppe behaupten können. Zu ihnen zählen die Georgier, Mingrelier, Lazen und Swanen. Sie sprechen eigene Sprachen und haben unterschiedliche Kulturtraditionen bewahrt. Südlich davon leben die Armenier, die auf Grund langer Eigenstaatlichkeit und kirchlicher Autonomie recht homogen sind und eine isolierte indogermanische Sprache sprechen. Östlich von ihnen wohnen die Azeri, ein Zweig der turkmenischen Stämme. Zwischen beiden Völkern siedeln kurdische und assyrische Gruppen. In den südöstlichen Bergen haben die Taten, die Bergjuden, eine iranische Sprache bewahrt (wobei diese Gruppe aber aufgrund islamischer Unterdrückung zwischenzeitlich weitestgehend ausgewandert ist). Daghestans Bevölkerung umfaßt turksprachige Gruppen, Iraner und mehrere Stämme altkaukasischer Sprachen. Im nordöstlichen Vorland siedeln die mongolischen Kalmücken. Ihre Nachbarn nach Westen hin sind die altkaukasischen Tschetschenen, Inguschen und Reste der Tscherkessen, deren Gebiete sich bis zum Schwarzen Meer erstrecken. Zwischen sie geschoben haben sich neben anderen Gruppen vor allem die türkischen Karatschaier sowie die Osseten, welche eine nordiranische Sprache sprechen. Die Abchasen wiederum bedienen sich eines Idioms, das dem Nordkaukasischen nahesteht.

Laut neuesten Sprachforschungen soll sich auch der Ursprung der Indo-Europäischen Sprache im Gebiet nordöstlich des Schwarzen Meeres und des Nordkaukasus befunden haben, und zwar zu einer Zeit, wo das Schwarze Meer ein gewaltiger Binnensee war und dessen Wasserspiegel etliche hundert Meter unter dem derzeitigen lag. Nach dem Durchbruch des Mittelmeers am Bosporus und dem dadurch dramatischen Anstieg des Meeresspiegels am Schwarzen Meeres soll die indoeuropäische Ursprache von den von dort wegflüchtenden Menschen in alle Welt getragen worden sein. Wobei diese Theorie z.Zt. aber noch kontrovers diskutiert wird. Aktuell bildet die indoeuropäische Sprachenfamilie nur noch eine kleine Gruppe innerhalb der zahlreichen in Kaukasien vertretenen Sprachen:

( Verbreitung der wichtigsten Sprachen und Volksgruppen im Kaukasus )

Der Begriff “kauskasische Sprachen” ist eine rein geographische Bezeichnung. Es handelt sich um eine unter geographischen Gesichtspunkten zusammengefasste Gruppe von Sprachen die im Kaukasus gesprochen werden, die untereinander teilweiser weiter entfernt sind als das Deutsche vom Chinesischen. Das von Bergtal zu Bergtal bei vielleicht nur 10 km Luftlinie Entfernung völlig unterschiedliche Sprachen gesprochen werden, die zudem völlig unterschiedlichen Sprachfamilien angehören, ist eher die Regel als eine Ausnahme.

Oder schauen wir uns die Verbreitung kaukasischer Sprachen in Dagestan an. Selbst eine Sprache wie das Andisch, die von nur noch 10.000 Menschen gesprochen wird, ist in sieben Dialekte aufgeteilt:

Und all diese Sprachen gehören mit Sicherheit zu den schwierigsten der Welt. Viele von ihnen weisen unglaublich viele Handlungsarten des Verbs auf. Praktisch alle haben ein außerordentlich reiches Konsonantensystem. So verfügt der abchasische Dialekt Bzyb über 69 Konsonanten, das Ubychische hat sogar über 80 Konsonanten, also rund das 4-fache wie das Deutsche.

Außerdem zeichnen sich diese Sprachen durch ihre Kombination von Konsonanten, besonders von Kehl- und Zischlauten aus, die für Ungeübte praktisch kaum auszusprechen sind. Hinzu kommt die extrem niedrige Vokalzahl: nur zwei bis drei gegenüber rund zehn im Deutschen, wenn man die Umlaute, Diphtonge und Halbvokale mitrechnet. Da Vokale beim Sprechen allgemein reduziert werden, besteht die gesprochene Sprache praktisch nur aus Konsonanten. Diese Sprachen werden daher vielfach auch als vokallos beschrieben.

Sämtliche Kaukaussprachen verfügen zudem über ein äußerst komplexes Fallsystem, nicht zuletzt aufgrund der Fülle von Lokativen, die räumliche Beziehungen ausdrücken (Allein in der Sprache "Tzes" gibt es deren 56 !). Die Fälle werden agglutierend gebildet, also durch die Anfügung von Nachsilben. Für jeden Fall steht nun ein Suffix, das die Lage des Bezugspunktes benennt (auf, bei, unter, hinter). Daran kann ein weiteres gehängt werden, das eine Bewegung zum Bezugspunkt X ausdrückt (“zu X”, “auf X zu”, “von X weg”). Weitere Suffixe sind möglich.

In "Tsez" lassen sich folgende räumliche Konzepte allein durch Fallmerkmale (also ohne Präpositionen) ausdrücken: “in einem hohlen Gegenstand” (z.B. einem Zimmer), “inmitten einer Menge”, “auf einer horizentalen Oberfläche”, “unter”, “bei, nahe”, “zu”, “von”, “auf (einen fernen Punkt) zu”, “von (einem fernen Punkt) weg” und “durch”.

Ein besonderes Kennzeichen des Georgischen und der anderen südkaukasischen Sprachen ist die ungewöhnliche Standardwortstellung. Das Agens (der Handelnde) steht nicht wie bei den weitaus meisten Sprachen im Nominativ (Subjekt), sondern im Ergativ, während das direkte Objekt dagegen im Nominativ steht. Aus diesem Grund nennt man diese Sprachen Ergativsprachen.

Es fehlt den Kaukasussprachen und somit auch den Kaukasusvölkern an jeder Gemeinsamkeit. Jedes Volk ist zudem noch in viele mehr oder wenige autarke Untergruppen aufgeteilt und zersplittert. Am Beispiel der Tscherkessen kann dies deutlich gemacht werden:

Bis zum Aufkommen der Theorie über die Ur-Indoeuropäer als Ursprungsvolk am Nordufer des schwarzen Meeres und des Nordkaukasus betrachtete man die Tscherkessen als früheste bekannte Bewohner des Kaukasus. Sie selbst behaupten von sich, das sie einst das wichtigste Volk waren, deren Siedlungsgebiet sich über der Ostküste des Schwarzen Meeres, dem mittleren Kuban, dem unteren Kuban, dem Westufer des Terek-Flusses und dem Großteil der Kabardei erstreckte. In der Geschichte wurden die Tscherkessen unter verschiedenen Namen bekannt, wie Zircassier, Circassians, Keschaks oder Kerket. Ihre Eigenbezeichnung ist Adyge (die Edlen). Der Begriff Tscherkessen ist eine Sammelbezeichnung für Angehörige sowohl kulturell als auch sprachlich eng verwandter Bergstämme im Nordwestkaukasus. Dazu gehören die Abzeh, Besleney, Bjedugh, Cemguy, Hakkucu, Hatikhuay, Khabardey, Maxhuesch, Mamkeyh, Natixhuay, Schapsigh, sowie die Yecerikhuay. Auch die Abchasen und Ubychen gehören zu den Tscherkessischen Völkern. Zwar haben sie teilweise eine andere geschichtliche Vergangenheit, jedoch sind sie fast identisch mit der Kultur der Tscherkessen. Die von allen tscherkessischen Gruppen gesprochenen Sprachen und Dialekte gehören gehören sämtlich zur adyge-abchasichen Sprache, und diese wiederum gehört zum nordwestlichen Zweig der kaukasischen Sprachenfamilie, wozu auch tschetschenisch, lesgisch und georgisch gehören.

Wer jetzt glaubt, dass die zahlreichen Sprachen, Völker und Volksgruppen nur innerhalb der Tscherkessischen Völker schon ausreichend verwirrend sind, hat die Familien und ihre Clans vergessen, welche diese Völker und Volksgruppen tatsächlich beherrschen. Wenn wir uns z.B. die Flagge der der Autonomen Republik Adygeya anschauen, die gleichzeitig auch die Flagge aller Tscherkessischen Völker und Volksgruppen darstellt, wird deutlich wie stark die Macht und der Einfluss einzelner Familien und Clans ist: Zwölf goldenen Sterne im Halbkreis auf grünem Grund repräsentieren die obengenannten tscherkessischen Völker, die darunter angebrachten drei goldenen Pfeile aber stehen für die diese Volksgruppen beherrschende Familien Zanyiko, Bolotoko und Aytekyiko. Um bei einem potentiellen Kaukasus-Problemlösungs-Gipfelgespräch also NUR die Tscherkessen sich angemessen repränsenten zu lassen bedarf es mindestens 15 Personen: 12 eigenständige Volksgruppen sowie die drei maßgeblichen Familien-Clans. Die politischen Probleme im Kaukasus waren nie nur Probleme und Zwistigkeiten zwischen Völkern, Volksgruppen, und/oder Religionen, es war und ist bis heute auch immer ein Machtdenken lokaler mächtiger Familienclans und Warlords.

Die aktuelle politische Situation im Kaukasus kann nicht bewertet werden ohne eine Betrachtung der mehrtausendjährigen Geschichte dieser Region. Bis heute bildet der Kaukasus die Mitte eines Kreises, an dessen Umfang sich die großen Ereignisse der europäisch-vorderasiatischen Menschheit abgespielten. Schon in vorgeschichtlicher Zeit soll sich, ausgehend von neuesten Sprachforschungen, der Ursprung der Indo-Europäischen Sprache im Gebiet nordöstlich des Schwarzen Meeres und des Nordkaukasus befunden haben; und zwar zu einer Zeit, wo das Schwarze Meer einen gewaltigen Binnensee bildete, allerdings mit einem geologisch nachweisbaren Wasserspiegel über hundert Meter unter dem derzeitigen. Nach dem Durchbruch des Mittelmeers am Bosporus und dem dadurch bedingt dramatischen Anstieg des Meeresspiegels am Schwarzen Meer soll die indoeuropäische Ursprache von den von dort wegflüchtenden Menschen in alle Welt getragen worden sein. Und mit ihnen auch die Sage über die Sintflut, die ihren Ursprung in diesem dramatischen Ereignis haben soll. Später entstehen und vergehen im Süden und Südwesten des Kaukasus die alten Reiche der Hethiter, der Sumerer, der Babylonier und Assyrer; im Osten wird der große Kampf zwischen Iran und Turan ausgefochten, von dem uns das Schahnameh berichtet, im Norden besiedeln Skythen und Sauromaten die von den Ur-Indoeuropäern aufgegebenen Gebiete; später ziehen Hunnen und Magyaren, Alanen und Awaren, Slawen und Tataren hin und wieder. Die Römer unterjochen sich Armenien, die Parther machen ihnen dies Besitztum wieder streitig. Die Sassaniden führen die Lehre Zarathustras ein, mit der das Christentum einen langen und harten Kampf zu bestehen hat. Dann überzieht der Islam das Land und dringt bis in die verborgensten Schluchten des Gebirges, ohne jedoch überall den Sieg davontragen zu können. Die Mongolen und tatarischen Horden ziehen das Land in ihren Wirbel hinein und schließlich kommt das Moskowiterreich und macht den Kaukasus den Türken und den Persern streitig. Allerdings kommt mit den Russen endlich Ruhe in diese Region. Über ein Jahrhundert, bis zum Ende der Sowjetunion, ist das Land sicher vor der Eroberungslust seiner islamischen südlichen Nachbarn. Insbesondere gilt dies für die beiden uralten Bastionen der Christenheit, die Georgisch-Orthodoxe Apostelkirche in Georgien, sowie die Armenische Apostolische Kirche der Armenier. Womit wir bei den religiösen Problemen und Unterschieden in Kaukasien sind. Hierbei wird insbesondere von den Medien in Deutschland vollständig ignoriert, dass Kaukasien zu den ältesten christlichen Regionen der Welt gehört:

Die Georgier im Südkaukasus gehören in der überwiegenden Mehrheit der Georgisch-Orthodoxen Apostelkirche an, die Armenier wiederum der Armenischen Apostolischen Kirche. Obwohl die georgische Kirche sich “Orthodox” nennt, hat sie mit den typischen orthodoxen Kirchen, wie z.B. der Russisch-Othodoxen, nichts gemein. Ebenso wie die Armenisch-Apostolische-Kirche trotz des “Apostolisch” in ihrem Namen nichts mit der Katholischen Kirche gemein hat. Beide Kirchen, sowohl die georgische wie auch die armenische, gehören zu den ältesten christlichen Kirchen weltweit, und können zweifelsfrei bis ins  3.Jahrhundert zurück bestimmt werden, Teile sogar bis ins 1.Jahrhundert n.Chr. Die noch heute verwendete Lithurgie in beiden Kirchen soll dem des Urchristentum am ähnlichsten sein.

Sowohl Georgier wie auch Armenier mussten sich in ihrer Geschichte immer gegen den übermächtigen Islam erwehren, der letztendlich im islamisch-türkischen Genozid an den Armeniern seinen perversen Höhepunkt fand. Ohne Russland bzw. später die Sowjetunion als Schutzmacht wären beide Völker schon längst in einem islamischen Genozid verschwunden. Ausschließlich nur durch Russland als Schutzmacht herrscht dort diesbezüglich endlich seit mehr als hundert Jahren Ruhe.

Wir hoffen, dass wir damit etwas deutlich machen konnten, welch buntes Völker- und Sprachengemisch sich im Kaukasus tummelt, und wo die vor Jahrtausenden entstanden und sich über Jahrtausende gewachsenen und verfestigten Unterschiede zwischen diesen Gruppen ihre Ursprünge haben.

Das alles ist der Kaukasus !