Mit dem Auto in Russland

Es ist zwar die mit Abstand teuerste Variante in das Land zu reisen, aber mit Sicherheit die, wo man am meisten von Land und Leuten sehen und erleben kann.

Papiere:

Internationaler Führerschein, Fahrzeugschein, Visum mit Eintrag, dass es sich um eine Autoreise handelt. Zolldeklaration mit genauer Beschreibung des Fahrzeugs sowie Fahrgestellnummer und Motornummer. Zolldokument über die temporäre Einfuhr des Fahrzeugs. Versicherungsbescheinigung, wobei die grüne Versicherungskarte in Russland keine Gültigkeit hat, und man an der Grenze eine temporäre Haftpflichtversicherung abschließen muss. Dabei auf ausreichende Höhe des Versicherungsschutzes achten. Die Versicherung kann nur in Rubel bezahlt werden, die man nicht unbedingt da eintauschen kann, wo auch gezahlt werden muss. Deshalb unbedingt schon vor der Fahrt ausreichend Euro in Rubel eintauschen ( ca. 150-200 € ).

Fahrzeug:

Der Anteil von Fahrzeugen aus westlicher bzw. asiatischer Produktion in Russland ist während der letzten Jahre enorm angestiegen, weswegen es zunächst nicht unbedingt auffällt, wenn man dort mit einem hiesigen Wagen rumfährt. Trotzdem sollte man es vermeiden mit einem Neuwagen nach Russland zu fahren. Weniger aufgrund des Diebstahlrisikos, sondern weil der russische Fahrstil saumäßig ist mit entsprechend höherem Risiko, in einen Unfall verwickelt zu werden. Zudem sind die Straßen oft in einem so fürchterlichen Zustand, dass Schäden mit einkalkuliert werden müssen. Obwohl da zwischenzeitlich spürbare Verbesserungen erkennbar sind.

Straßenverhältnisse:

Ganz langsam beginnen sich unsere Straßen denen in Russland anzugleichen: Schlaglöcher über Schlaglöcher. Am schlimmsten ist der Zustand innerörtlicher Straßen, hoch stehende oder fehlende Kanaldeckel können eine Fahrt abrupt final beenden lassen. Wenn man in Russland die Autofahrer Schlangenlinien fahren sieht, so hat das nichts mit zu viel konsumierten Wodka zu tun, sondern mit der Umfahrung von Verkehrshindernissen wie Schlaglöcher. Wobei öfters zu beobachten ist, dass Besitzer von importierten Autos noch vorsichtiger um oder über Schlaglöcher fahren, als wie wir es hier bei gleich großen machen würden. Ursache sind oft die aus China oder Korea stammenden Felgen, die in Russland an die Wagen montiert wurden. Optisch schön, handelt es sich aber meist um Fakes und Kopien westlicher Fabrikate, die wegen ihrer katastrophalen Qualität beim kleinsten Schlagloch zerspringen.

Überlandstrecken und vor allem Fernstraßen sind gut ausgebaut, oft sogar autobahnähnlich.

Verkehrsregeln

Verkehrszeichen in Russland sind zwar den unsrigen ziemlich ähnlich, dennoch die Verkehrsregel Nr. 1 die besagt, dass es keine Regeln gibt. Zumindest hat dies für Westler den Anschein, wenn man sich den russischen Fahrstil anschaut. Die Haltelinien an roten Ampeln werden kaum beachtet, jeder zieht so weit in die Kreuzung rein, wie er gerade noch vorm Gegenverkehr verantworten kann. Weitergefahren wird wenn man vermutet, dass die anderen zwischenzeitlich Rot bekommen haben. Begegnen sich zwei Fahrzeuge in einer engen Straße wird frontal aufeinander zugefahren, dann ausgestiegen, und anschließend lautstark und wild gestikulierend das Problem “auf Russisch” erledigt. Was im günstigsten Fall bedeutet, dass jemand nach einem hitzigen Streitgespräch den Kürzeren zieht. In ungünstigeren Fällen kann dies in eine Schlägerei und dem Demolieren von Fahrzeugen ausarten. Egal wo man ist, es gilt immer das Recht des Stärkeren. Entweder stärker aufgrund seines Autos oder seiner “Überzeugungsfähigkeit” bei Streitgesprächen. Nur an Zebrastreifen ist es aufgrund saftiger Strafen mitlerweile erheblich besser geworden. Früher wurde bei Anblick eines Fußgängers auf einem Zebrastreifen grundsätzlich Gas gegeben und drauf gehalten.

Aufgrund des fürchterlichen Fahrstils, der zahlreichen Verkehrsunfälle und der anschließenden Problematik, die Schuldfrage klären zu können, werden von den Autobesitzern immer häufiger Kameras vorne installiert, die auch bei einer noch so kurzen Fahrt grundsätzlich immer eingeschaltet werden. Was da während einer Fahrt so alles passieren kann, findet sich massig bei “You Tube”. Wobei dadurch auch höchst faszinierende Dinge aufgezeichnet werden können, wie z.B. der Meteoriteneinschlag im Februar 2013.

All diese Verkehrsüberschreitungen finden trotz zahlreicher Polizeikontrollen statt. Nur liegen deren Schwerpunkte bei Kontrollen völlig woanders:

Kontrollen:

Die Miliz kontrolliert oft und gerne. Kontrollen alle 5-10 km sind normal. Auf Fernstraßen gibt es sogar regelrechte Kontrollstationen, die ähnlich einem Grenzposten aufgebaut sind. Zudem werden sämtliche Einfall- und Ausfallstraßen von Städten durchgehend kontrolliert. Milizposten sind grundsätzlich nur mit Schrittgeschwindigkeit zu passieren. Das sollte man schon aus dem Grund machen, weil viele Milizionäre erst im absolut letzten Moment das Zeichen zum Anhalten geben. Stoppt man zu spät wird das als Missachtung einer Kontrollstelle angesehen - mit entsprechenden Problemen, die danach folgen.

Gerät man in eine Kontrolle stellt man den Motor ab und steigt aus dem Wagen aus. Ein sitzen bleiben wird als mangelnder Respekt gegenüber den Milizorganen angesehen. Höflich bleiben und alles akzeptieren was gefordert wird. Bei Problemen wird man immer den kürzeren ziehen, und im schlimmsten Fall ohne Führerschein da stehen, weil der dann sofort vor Ort eingezogen wird. Und eine Ausreise ohne Auto wird teuer. Da im Visum ja drin steht, das man mit Auto eingereist ist, wird jeder Grenzbeamte sofort fragen wo der Wagen ist. Verbleibt der Wagen in Russland, weil man mangels Führerschein nicht mit ihm ausreisen kann, wird das vom russischen Zoll als Einfuhr eines Fahrzeugs angesehen, und verlangt entsprechend Zoll. Der beträgt ohne weiteres bis zu 50% des Fahrzeugwertes.

Schwerpunkt bei Kontrollen liegt auf Ausweiskontrolle und ob sämtliche Fahrzeugpapiere samt Versicherungsbescheinigung vorliegen und in Ordnung sind. Die Kontrolle von Verkehrsverstößen beschränkt sich weitestgehend auf zu schnelles Fahren und das Überfahren von durchgezogenen Linien. Wobei Geschwindigkeitskontrollen auch ohne Radar vorgenommen werden können und dürfen, die Erfahrung eines Polizeibeamten, eine Geschwindigkeit schätzen zu können, wird von jedem Gericht als ausreichend angesehen.

Unfall

Den Wagen so stehen lassen wie er nach dem Crash steht. Egal ob es sich dabei um die Haupt-Ausfallstraße von Moskau handelt und es mitten im Berufsverkehr ist. Jeder Einheimische macht das auch, was natürlich oft viele lange Staus zur Folge hat. Danach Miliz rufen.

Bei Unfällen mit Personenschaden unbedingt die Botschaft oder das nächste Konsulat anrufen und sich informieren lassen ! Die Notfallnummer befindet sich auf der Webpage der deutschen Botschaft.

Hat der eigene Wagen nach einem Unfall nur noch Schrottwert, oder kann nicht mehr repariert werden solange man sich noch im Land aufzuhalten beabsichtigt, entstehen ganz erhebliche Probleme mit dem Zoll bei der Ausreise, da aufgrund der Eintragung des Fahrzeugs im Visum jeder Grenzbeamte sofort fragen wird, wo der Wagen ist. Einfach zu sagen, das Auto ist kaputt oder in Reparatur, reicht nicht aus. Für so einen Fall sind besondere Zollpapiere und Bescheinigungen notwendig. Die zu beschaffen äußerst schwierig und zeitaufwendig sind. Es ist eindringlich zu empfehlen, Mitglied in einem auch in Russland vertretenen Automobilclub zu sein, den man dann um Unterstützung bitten kann.

Unabhängig davon, dass ein Auslandsschutzbrief und eine sog. “Mallorca-Versicherung” obligatorisches Minimum sind.

Diebstahl:

Unbedingt sofort bei der Miliz eine Anzeige aufgeben, gleichzeitig seinen Automobilclub um Unterstützung anrufen um Probleme wegen des Zolls bei der Ausreise zu vermeiden. Die Zölle sind wirklich astronomisch, selbst für einen 15 Jahre alten Golf würden über 8.000.- € Zoll verlangt. Hier kann sich jeder selber ausrechnen, was an Zoll auf einen zukäme: 

http://www.tks.ru/auto/calc

Fahrzeugtyp:

Womit sich die Frage stellt, mit welcher Art von Fahrzeug man nach Russland reisen sollte. Schließlich gilt es nicht nur die Straßenverhältnisse innerhalb Russlands zu berücksichtigen, eine Fahrt dorthin führt einen ja auch durch Polen, Ukraine oder Weißrussland. Ausgehend von Berichten in diversen Foren sollen Fahrzeuge aus deutscher Produktion, von Geländewagen abgesehen, aufgrund zu harter Federung für osteuropäische Verhältnisse nicht sonderlich geeignet seien. Es wird relativ häufig über Probleme bei Radaufhängung oder Lenkung berichtet. Auch gilt es zu berücksichtigen, dass man mehrere Tage unterwegs ist, bis man endlich dort ankommt. Zu enge oder zu harte Sitze könnten einem das Fahren spätestens ab dem zweiten Tag der Hinfahrt gewaltig verleiden. In Osteuropa bedarf es keiner weit in den Innenraum reichenden Seitenführung bei den Sitzen, um bei Kurvenfahrten ausreichend Halt zu haben. Dort kann es eher passieren, dass eine Straße die nächsten 200 Kilometer schnurgerade durchs Land führt und man selbige mit vielleicht nur max. 90 km/h entlang fahren kann/darf. Wenn man dann mehrere Stunden seitlich in seinem Sitz eingezwängt ist, kann das durchaus unangenehm werden.

Wie auch immer, die Frage, mit welchem Autotyp man nach Russland fahren sollte, hängt von mehreren individuellen Faktoren ab, wie Fahrtstrecke, Zielgegend, zu berücksichtigende Straßenbeschaffenheit, kalkulierte Dauer der Fahrt, was auch immer. Deutliche Hinweise, was bezogen auf das Zielgebiet empfehlenswert ist, geben aktuelle Photos von dort und welche Art von Fahrzeug momentan dort vorherrschend ist. Für einen Russen ist ein Auto einerseits zwar ein ungeheures Statussymbol, andererseits lässt er sich bei der Fahrzeugauswahl viel intensiver von Empfehlungen im Bekanntenkreis leiten als es hierzulande üblich ist.

Reparatur

In Russland werden Autos noch repariert, anstatt wie hier nur der Austausch defekter Teile. Schon das ist ein weiteres Argument dafür, nicht unbedingt mit dem neusten Modell nach Russland zu fahren, welches von oben bis unten mit Elektronik vollgestopft ist. In Moskau und St. Petersburg ist das kein Problem, dort gibt es Vertragswerkstätten mit genügend Ersatzteilen. Aber in der Provinz, wohin man ja eigentlich hin will wenn man mit dem Auto in Russland unterwegs ist, sieht es in Punkto Vertragswerkstätten zappenduster aus. Die lokale Werkstatt befindet sich nicht selten in einer Hinterhofbaracke, und wenn der russische Mechaniker nur Elektronik unter der Motorhaube sieht, dann hat man Pech und darf den Wagen im schlimmsten Fall ein paar hundert Kilometer abschleppen. Fährt man jedoch einen älteren Wagen, oder gar ein russisches Modell, dann kann man in den Werkstätten noch die hohe Kunst einer echten Reparatur erleben, und mit Faszination beobachten, in wie viele Teile ein Anlasser zerlegt werden kann.

Benzin

Bleifreies Benzin zu bekommen, kann im Einzelfall in der Provinz ein Problem werden. In Russland gibt es keine ASU, deshalb werden Fragen nach dem „richtigen“ (bleifreiem) Benzin oft nicht verstanden. Schließlich fährt der lokale Mafiaboss mit seinem Benz mit dem gleichen Benzin wie der alte Lada. Also was soll an dem Benzin schlecht sein, wenn sogar ein Benz damit fahren kann ! Die Sache kann aber verdammt teuer werden, wenn sich Monate nach der Rückkehr bei der nächsten ASU heraus stellt, dass der Kat kaputt ist, weil man einmal bleihaltiges Benzin getankt hat. Deshalb unbedingt nur an großen offiziellen Tankstellen russischer Ölkonzerne tanken. Dort ist am ehesten die Gewähr gegeben, dass der Sprit sauber ist.

Sehr beliebt in Russland ist die Umrüstung von Fahrzeugen auf Gasbetrieb. Eine Gastankstelle zu finden bereitet überhaupt keine Probleme, die finden sich sogar in Hinterhofwerkstätten. Allerdings ausschließlich nur LPG, Erdgas wird keins angeboten.

Übernachten während der Fahrt:

NIEMALS auf offener Straße oder irgendwo in der Landschaft übernachten, und auch nie im Wagen schlafen. Grundsätzlich immer ein Hotel mit bewachtem Parkplatz aufsuchen ! Womit sich automatisch auch die Frage erübrigt, ob man mit einem Wohnmobil oder Wohnwagen nach Russland fahren soll. Kann man natürlich, nur stellt sich die Frage “wozu”, wenn man weder das eine, noch das andere zum Übernachten nutzen kann. Wohnmobile haben wir in Russland bislang nicht ein einziges gesehen, und nur einmal einen Moskauer, der einen Wohnwagen zog.

Mafia:

Es ist sehr unwahrscheinlich, das just an dem Tag, wo man im tiefsten Sibirien oder Kaukasus eine Nebenstraße befährt, hinter einer Biegung die Mafia wartet, seit drei Jahren hoffend, das sich ein westlicher Wagen dahin verirrt. Kommt es dennoch vor, dass jemand einen heraus winken oder abbremsen will, oder Zeichen zum Anhalten gibt:

Ignorieren und weiter fahren ! Ausgenommen natürlich Miliz. Empfehlenswert ist es auch, die Türen verriegelt zu haben. Insbesondere wenn man Nachts durch dunkle Ecken in Moskau fährt. Aber das empfiehlt auch jeder Reiseführer für New York.

Sonstiges:

Kartenmaterial sollte auch auf kyrillisch sein. Es bringt nichts die Namen der Städte auf deutsch zu lesen, wenn man die kyrillischen Hinweisschilder an den Straßen nicht lesen kann.

Russische Navi-Systeme sind nicht schlecht, nur ist häufig die Stimme der Ansagerin ausgesprochen krächzend.

Ausreichend großer Reservekanister für Fahrten in der Provinz. Eine kleine Basis-Ausstattung an Reparaturmaterial, und genügend zu essen und zu trinken sollte man aufgrund der großen Entfernungen ebenfalls mitnehmen.

Vorgeschrieben sind Warndreieck, Warnweste und Feuerlöscher !

Die Alkoholgrenze liegt bei Null, und man sollte sie strickt beachten !

 

Hier noch ein paar wichtige und interessante Links:

Zoll:

Deutscher Zoll:
www.zoll.de

Einfuhrzoll in Russland für importierte PKW:
www.tks.ru/auto/calc.shtml

PKW-Export Prozedur nach Russland:

http://auto.germany.ru/