Sensible Theman

Jedes Volk und jede Kultur hat Gesprächsthemen, die man offen besprechen kann, und andere Themen, über die man lieber schweigt. Es ist für einen Ausländer in Unkenntniskeit dieser Themenbereiche leicht möglich, durch Wort oder Tat jemanden zu beleidigen ohne dass man es merkt. Driftet ein Gesprächsthema auf bestimmte sensible Bereiche ab, so sollte man zunächst versuchen, sich möglichst diplomatisch da raus zu halten. Indem man beispielsweise sagt, dass man Gast im Lande ist und es einem nicht zusteht, Kritik zu äußern. Andererseits ist man in Russland sehr daran interessiert zu erfahren, wie bestimmte innerrussische Themen im Ausland gesehen werden. Wobei durchaus zwischen privater Meinung und offizieller Stellungnahme seitens Politik oder Presse unterschieden wird.

Apropos Presse: Selbstredend besteht in Deutschland Pressefreiheit, ohne Zweifel, ein unantastbares Verfassungselement. Andererseits bedeutet Pressefreiheit nicht automatisch auch wahre bzw. korrekte Berichterstattung. Das eine hat mit dem anderen nur indirekt zu tun. Pressefreiheit bedeutet nichts anderes als die Freiheit, mittels der Presse eine bestimmte Meinung äußern zu dürfen. Was wir in Deutschland an Berichterstattung in den diversen Medien erfahren ist ausschließlich die subjektive Meinung eines Redakteurs über ein bestimmtes Thema. Nicht mehr und nicht weniger. Schon in unseren deutschsprachigen Nachbarländern Schweiz und Österreich werden so manche Themen völlig anders wiedergegeben als bei uns. Insofern ist es wichtig, einmal über den Tellerrand zu schauen, und zu lernen, bestimmte Dinge aus dem Blickwinkel Russland und seiner Menschen dort zu betrachten.

Zu den mit Vorsicht zu behandelnen Themen gehören:

Aktuelle russische Innen- und Außenpolitik:

Brandheisses Eisen. Von überzeugten Befürwortern der aktuellen Politik über überzeugte Gegner, Nationalisten, was und wer auch immer ist die gesamte Bandbreite vertreten. Ja, sogar überzeugte Stalinisten, die ihre Meinung öffentlich kundtun, finden sich zuhauf. Man kann die Klippen umschiffen indem man sagt, dass in Deutschland über dieses oder jenes Thema so und so berichtet wird (womit man eine neutrale Position einnimmt), und dass man interessiert sei, es mal aus russischer Sicht zu erfahren. Worauf euer russisches Gegenüber erfreut ist, einem Wessi mal mitteilen zu können, wie die Sache tatsächlich aussieht. Dabei immer wieder Fragen stellen, ohne jedoch Meinungen bzw. Ansichten zu äußern.

2. Weltkrieg:

Bis heute beherrschendes Thema, und man ist gut beraten, sich darauf vorzubereiten. Eigentlich ist die Sache recht einfach: Es wird ganz einfach erwartet, das man sich vorbehaltlos zu seinem Land und dessen positiver und negativer Geschichte bekennt. Allerdings bloß nicht nach dem Motto "Asche auf mein Haupt": Jeden Ausländer, nicht nur Russen, verwirrt die in Deutschland vertretene Position, sein eigenes Land so schlecht wie möglich zu machen. Übrigens sollte man sich grob über den Frontverlauf während des Krieges und dessen wichtigste Schlachten im Osten informieren. Ich trat z.B. einmal in so ein Fettnäpfchen, als das Thema auf Prochorowka kam. Ihr habt keine Ahnung was sich dort während des Krieges abspielte ? Na, dann informiert euch mal ! Wie auch immer, ich hatte auch keine Ahnung. Weshalb man mich schnappte und mit mir "mal eben auf die Schnelle" (was drei Stunden Fahrt bedeutete) zum Schauplatz der größten Panzerschlacht der Weltgeschichte fuhr:

www.stawropol.de
Denkmal zur Erinnerung an die größte Panzerschlacht der Geschichte
in Prochorowka bei Kursk

Berücksichtigt unbedingt, dass in Russland der 9.Mai (Tag des Sieges) mit der wichtigste Feiertag im Jahr ist ! Ebenso ein paar andere Feiertage, die direkt oder indirekt mit dem Großen Vaterländischen Krieg zu tun haben. Ich wurde einmal geradezu schockiert angeschaut als ich beim Anschauen einer Parade munter und ohne jegliche böse Hintergedanken fragte, an welchem Krieg die teilnehmenden bzw. zuschauenden Verteranen denn teilgenommen haben. Immerhin ist der 2.Weltkrieg knapp 70 Jahre vorbei, und mir erschienen die anwesenden Verteranen trotz ihres relativ hohen Alters einfach zu jung, um damals in den 1940ern aktive Soldaten gewesen zu sein. Ausgehend von den Dienstgraden ihrer alten Uniformen und der zahlreichen Anzahl von Orden, die sie trugen, hätten sie bei einer Teilnahme am 2.Weltkrieg jetzt mindestens Mitte 90 sein müssen. Die Kaukasus-Region ist zwar bekannt dafür, dass die Menschen dort überdurchschnittlich alt werden, aber so viele Hundertjährige leben da ja nun auch nicht.

Ganz kritisch wird es, wenn aus russischer Sicht die Leistungen der Roten Armee geschmälert werden, indem man z.B. auf den Luftkrieg mit England und den USA verweist bzw. auf die von russischer Seite bestrittenen Unterstützungen der Sowjetunion durch die USA während des Krieges. Ein Thema, womit die russische Bevölkerung erst seit wenigen Jahren konfrontiert wird, und womit man augenscheinlich in ein Wespennest gestochen hat. Das Thema ist derartig brisant, dass man es möglichst vermeiden sollte. Insbesondere weil schon von offizieller Seite aus die Überlegung angestellt wurde, jegliche Äußerung in Richtung Schmälerung der Leistung der Roten Armee während des 2.Weltkriegs strafrechtlich zu verfolgen.

Trotz alledem wird einem Deutschen in Russland immer mit großer Offenheit und Sympathie begegnet. Im Gegensatz zu einigen anderen Ländern ist man in Russland immer in der Lage gewesen, zwischen dem Volk an sich und der Politik, der dieses Volk ausgesetzt war, unterscheiden zu können.

Afghanistan:

Es ist interessant: Bezogen auf Afghanistan verhält sich der Durchschnittsrusse genaus so, wie sich der Durchschnittsdeutsche in Bezug auf den 2.Weltkrieg verhält: Er ignoriert es. Während es nur wenige Tage gibt, wo im russischen Fernsehen keine Szenen oder Filme aus dem Großen Vaterländischen Krieg gezeigt werden, und man insbesondere als Deutscher in Russland häufig den Eindruck hat, der 2. Weltkrieg läge gerademal drei Wochen zurück, wird Afghanistan totgeschwiegen. Denkmäler über den 2.Weltkrieg finden sich an jeder Straßenecke, über den Krieg in Afghanistan sah ich in all den Jahren kein einziges. Auch in Russland mag man es nicht, wenn man einen Krieg verloren hat...

Tschetschenien-Konflikt:

Der Stavropol-Kray liegt in direkter Nachbarschaft zu Tschetschenien. Weswegen mit Sicherheit irgend wann einmal das Thema auch auf den Konflikt dort kommen wird. Äußert ja keine Kritik am Verhalten Russlands ! Ihr sitzt mit Menschen zusammmen, die u.U. schon Familienangehörige durch von Moslems verursachte Terrorakte in Moskau, Beslan etc. verloren haben. Solltet ihr in Diskussionen diesbezüglich Toleranz fordern, so würde dies im Nordkaukasus ähnlich angesehen und bewertet, als wenn man von jemanden, der in Ausschwitz Familienangehörige verloren hat, Toleranz fordern würde. Politisch mag dies sicherlich anders bewertet werden, für ein Terroropfer und seine Familienangehörigen ist es letztendlich egal, welcher Art und Ursache der Terror war. Bevor ihr euch also über das Thema äußert, informiert euch eingehend darüber. Und das nicht aus deutscher, sondern aus internationaler und insbesondere auch aus russischer Sicht. Eine erste Info über das Thema "Kaukasus" findet sich hier:

Islam:

DAS beherrschende Thema im Kaukasus ! Aufgrund 80 Jahre Kommunismus ist der Anteil von Atheisten in Russland trotz des wachsenden Einflusses der russisch-orthodoxen Kirche überproportional hoch, und sie sehen jede Art von Religion als Geister- und Gespensterglaubenan, und damit jede Art von religiöser Beeinflussung als dümmlich, um nicht zu sagen krank. Die Machtergreifung von Islamisten in Ländern wie Ägypten, Tunesien etc. wird mit größtem Misstrauen und großer Sorge betrachtet. Hier liegt auch die Ursache für die andauernde Unterstützung des Regimes in Syrien.

Geht davon aus, dass in Bezug auf Islam / Moslems in Russland von beiden Seiten mit unverhohlenem Hass reagiert wird. Auch in der Öffentlichkeit und auch von in der Politik tätigen Personen. Geht ebenfalls auch hier davon aus, dass ihr mit Menschen zusammmen sitzt, die u.U. schon Familienangehörige durch von Moslems verursachte Terrorakte verloren haben. In Russland unterscheidet man nicht wie hier zwischen Moslems und Islamisten: Denn das Motiv der Islamisten ist Religion, der Islam.

Ethnische & religiöse Minderheiten:

Antisemitismus ist in Russland weit verbreitet und wird auch in der Öffentlichkeit ohne Bedenken geäußert. Und zwar auf eine Weise, die in Deutschland schon durchaus strafrechtlich verfolgt würde.

Vorbehalte gegenüber ethnische Minderheiten sind vorhanden und werden ebenfalls auch öffentlich ohne Bedenken geäußert. Wobei es allerdings davon abhängt, welcher Gruppe eine ethnische Minderheit angehört. Handelt es sich bei der ethnische Minderheit um eine Gruppe, die nicht dem Islam angehört, so wird sie in Russland problemlos toleriert, während gegenüber Moslems, insbesondere denen aus dem Kaukasus, massive Vorbehalte entgegen gebracht werden.

Die Problematik Islam und "dunkle" Kaukasier hat mittlerweile auch andere Regionen Russlands ergriffen.Insbesondere im Großraum Moskau wird auch von öffentlicher politischer Seite aus versucht, einem fortschreitendem Vordringen dieser Gruppen massiv entgegen zu wirken.

Nato:

Genau wie in den USA immer noch tief verwurzelte Bedenken gegenüber der Roten Armee vorhanden sind, bestehen umgekehrt in Russland erhebliche Vorbehalte gegenüber amerikanischer militärischer Politik. Halt zwei Großmächte mit unterschiedlichen Interessensgebieten. Das jetzt aber ehemalige Republiken der Sowjetunion Mitglieder in der Nato sind, wie die baltischen Staaten oder Polen, oder das ausgerechnet die deutsche Luftwaffe einen Stützpunkt in Termez in Usbekistan hat, also ganz tief im Inneren der ehemaligen Sowjetunion, geht vielen Menschen in Russland schlicht und einfach über den Verstand.

Gorbatschow:

Im Westen wird Gorbatschow hoch geschätzt, weil er den Kalten Krieg beendet hat und maßgeblich am Gelingen der Deutschen Einheit beteiligt war. In Russland ist sein Ruf dagegen sehr schlecht, weil er nach Meinung vieler Menschen den Zusammenbruch der Sowjetunion, den wirtschaftlichen Niedergang des Landes und die später daraus resultierenden Leiden verursacht hat. Das zudem ehemalige Teilrepubliken der Sowjetunion Mitglieder der NATO bzw. der EU geworden sind, wird als Verrat von diesen Ländern am russischen Volk angesehen.

 

Und aktuell frisch hinzu gekommen ist das Thema Ukraine...

 

Wie ihr seht, es gibt zahlreiche Themen, die in Russland völlig anders gesehen und bewertet werden als bei uns. Hier gilt es, ausgesprochen sensibel zu reagieren