Studium in Russland

Zur Gleichwertigkeit russischer Studiengänge
mit deutschen Studiengängen:

Mit Abschluss der Mittelschule beendet ein russischer Schüler nach Absolvierung der 10.Klasse den Besuch allgemeinbildender Schulen. handelt es sich bei dem Abschluß um einen qualifizierten Abschluß, ähnlich dem in Deutschland für den Übergang in die Oberstufe eines Gymnasiums oder einer Fachoberschule, dann kann sich der Absolvent an einer Universität als Student einschreiben lassen. Damit gehören russische Erstsemester zu den weltweit jüngsten Studenten. Nun bestehen aber auch russische Jugendliche nicht nur aus Wunderkindern, denen beispielsweise schon in der 10.Klasse die Tiefen und Untiefen der Infinitisemalrechnung beigebracht wurde (in D ist das in Klasse 12), um z.B. ein Ingenieurstudium auch nur andeutungsweise qualifiziert bewältigen zu können. Auch wären schulisch vermittelte Sprachkenntnisse noch ein paar Jahre vom Niveau eines Abiturs entfernt. Weswegen in Russland während der ersten Semester neben fachbezogenem Unterricht auch allgemeine Fächer wie z.B. Fremdsprachen unterrichtet werden.

Ganz grob gesagt entspricht ein Studium in Russland während der ersten Semester eher dem Level einer deutschen Fachoberschule, und geht dann übergangslos in den Level einer Fachhochschule über. Je nach Art des Studiums und der jeweiligen Universität variiert der erste Studienabschluß zwischen einem Level ähnlich einem hiesigen Technikerabschluß und irgendwo zwischen FH und TH.

Beispiel Medizin: der erste Abschluß nennt sich “Feldscher”, abgeleitet vom altdeutschen Wort “Feldscherer”, womit angelernte Militärärzte bezeichnet wurden. Einen vergleichbaren akademischen Abschluss gibt es in Deutschland nicht, ganz grob könnte man ihn mit einem überdurchschnittlich qualifizierten Heilpraktiker vergleichen.

Erst mit darauf aufbauenden Studiengängen erreicht der russische Student einen Level, der mit einem hiesigen Diplom bzw. Master gleichgesetzt werden kann. Insofern ist die Bandbreite dessen, was ein “Diplom” einer russischen Universität, Akademie etc. tatsächlich aussagt, für einen Außenstehenden nur schwer einzuordnen. Denn das Wort “Diplom” steht im Kopf fast sämtlicher Studienbescheinigungen oder Abschlüsse, egal ob es sich um ein besonderes Seminar oder um eine Promotion handelt. Insofern bedeutet “Diplom” in Russland keinen akademischen Abschluss, sondern ist eher mir “Bescheinigung” vergleichbar. Erst darunter steht, um was es sich genau bei dem “Diplom” handelt und welchen akademischen Grad jemand ggf. damit erworben hat.

Um eine realistische und exakte Einordnung ausländischer Studienabschlüsse vornehmen zu können, wurde von der Deutschen Rektorenkonferenz die Page “Anabin” ins Leben gerufen, in welche jede Universität, Akademie etc. weltweit mit ihrem tatsächlichen Level aufgelistet ist:

http://anabin.kmk.org/

Dort lässt sich detailliert feststellen, inwieweit ein in Russland erworbener Studienabschluss mit einem hiesigen Abschluß vergleichen lässt. Ebenso finden sich dort Informationen, wo und wie ein im Ausland erworbener Studienabschluss in Deutschland anerkannt werden kann.

 

Abschlusstypen in Russland

Bachelor:
Offiziell Abschlusstyp für Studiengänge mit einer typischen Normdauer von vier Jahren, entspricht dieser Abschlusstyp dem Abschluss einer Fachhochschule, je nach Art der Hochschule aber auch darunter (bezogen auf den technischen Bereich z.B. nur gleichwertig mit dem eines staatl. annerkannten Technikers).

Spezialist:
Abschlusstyp für Studiengänge mit einer typischen Normdauer von mehr als vier Jahren liegt dieser Abschlusstyp je nach Art der Hochschule zwischen FH und TH/Uni-Abschluss bis hin zum vollwertig gleichwertigen Abschluss einer hiesigen Universität (Diplom / Master).

Ingenieur:
Abschlusstyp für Studiengänge mit einer typischen Normdauer von mehr als vier Jahren liegt dieser Abschlusstyp je nach Art der Hochschule zwischen FH und TH-Abschluss bis hin zum vollwertig gleichwertigen Abschluss einer hiesigen Technischen Universität (Diplom / Master).

Magister:
Entspricht allgemein dem deutschen Magister

Kandidat:
Promotion (siehe dazu auch weiter unten)

Doktor:
Habilitation (siehe dazu auch weiter unten)

 

Sonstige Diplome bzw. universitäre Bescheinigungen:

Diplom o nepolnom vyssem obrazovanii:
Bescheinigung über eine unvollständige (z.B. abgebrochene) Hochschulausbildung

Assistent (z.B. assistentura-stazirovka):
Diplom / Bescheinigung über die Absolvierung eines
postgradualen Studienangebotes.

Diplom o dopolnitelmom ( k vyssemu) obrazovanii:
Diplom / Bescheinigung über eine ergänzende Hochschulausbildung  bzw. ein postgraduales Studienangebot

Diplom o professionalnoj perepodgotovke:
Umschulungs- bzw. Fortbildungsdiplom / Bescheinigung

Svidetelstvo Kursov Vyssich
Zeugnis über einen Hochschullehrgang

 

Pocetnyj Doktor:
Ehrendoktor ( Dr. h.c. )

Pocetnyj Professor
Ehrenprofessor ( Prof. h.c. )

 

Zum Führen akademischer Grade (Titel) in Russland:

Es gibt in Russland als Studienabschlüsse die Bezeichnung “Diplom” oder “Bacchelor”. Bezeichnungen wie “Dipl.-Ing.” oder “M.Sc.” z.B. auf Visitenkarten sind in Russland nicht geläufig. Stattdessen wird z.B. bei Visitenkarten Wert darauf gelegt zu zeigen, was man aus seiner Ausbildung gemacht hat, indem auf die Position innerhalb eines Unternehmens hingewiesen wird. Ein “Direktor” schlägt jede Promotion.

Promotion in Russland:

Das russische Äquivalent zum deutschen “Doktor” ist der “Kandidat”. Womit dieses eigentlich vertraute deutsche Wort, welches üblicherweise einen Bewerber um etwas bezeichnet, eine völlig andere Bedeutung erlangt. Dies ist auch wichtig zu wissen, falls man Online - Übersetzungsprogramme verwendet, die “Kandidat” im deutschen Sinne als “Bewerber” einstufen bzw. übersetzen. Ein russischer “Kandidat” ist also weit von einem “Bewerber” entfernt, es handelt sich dabei ausnahmslos um einen promovierten Wissenschaftler, Juristen, Arzt etc. Ein “Kandidat Nauk” (“Nauk” = Naturwissenschaften) entspricht, da eine Promotion in Russland auf einem gleich hohen Level wie in Deutschland angesiedelt ist, voll einem hiesigen Dr.rer.nat. (Doktor der Naturwissenschaften). Allerdings käme in Russland niemand auf die Idee, sich “Frau / Herr Kandidat” ansprechen zu lassen.

Es gibt in Russland aber auch den akademischen Grad eines Doktors. Dabei handelt es sich um einen der deutschen Habilitation vergleichbaren akademischen Grad, also der Lehrberechtigung an einer Universität. Ein “Doktor Nauk” ist demzufolge ein habilitierter Doktor der Naturwissenschaften. Wobei der “normale” Dozent an einer russischen Universität ohne weiteres auch “nur” ein “Kandidat” sein kann.

Der Ablauf einer russischen Promotion (zum “Kandidat Nauk”) entspricht weitestgehend dem einer deutschen Promotion (Doktorvater, Dissertation, Verteidigung, etc.) und hat international eine hohe Reputation. Wer zusätzlich in Deutschland seine russische Promotion amtlich als gleichrangig und gleichwertig mit einer deutschen Promotion anerkennen lassen möchte, kann dies über die Ministerien für Wissenschaft und Forschung in den einzelnen Bundesländern durchführen lassen.

Zum Kauf von Titeln in Russland:

Als Schwiegersohn eines russischen Wissenschaftlers und Doktorvaters, der abends in der Küche sitzt und beim Korrigieren der Dissertationsentwürfe seiner Doktoranten häufig tief Luft holen muss, kann ich nur sagen:

Wenn es etwas gibt, worauf man in Russland (mit Recht) stolz ist, dann ist es der Level seiner Wissenschaften. Weswegen kein Wissenschaftler von Rang und Charakter sich kaufen lassen würde. Dies würde dem Selbstverständnis eines russischen Wissenschaftlers zutiefst widersprechen.

Andererseits muss zugegeben werden, dass die Bezahlung russischer Dozenten ausgesprochen marginal ist, auch nicht andeutungsweise mit den Bezügen eines Dozenten in Deutschland vergleichbar. Dass dann jemand mal schwach werden kann, ist sicherlich möglich, sollte aber nicht verallgemeinert werden.

Ganz grob würde ich behaupten, dass die Zahl gekaufter akademischer Titel in Russland ähnlich hoch ist, wie in Deutschland die Zahl abgekupferter Dissertationen. Und wie man aktuell der Presse entnehmen kann, kommt Abkupfern häufiger vor als man gemeinhin denkt. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen...

 

 

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Ralf Radojewski