Verpflegung

Zu den mit Abstand wichtigsten Dingen bei einer Fahrt mit einem russischen Fernreisezug gehört eine solide und ausreichende Verpflegung. Sowohl was das Essen betrifft, wie auch eine ausreichende Anzahl an Getränken.

Nach dem Schuh- und Garderobenwechsel und wohnlichem Einrichten für die nächsten Tage gilt es, die mitgebrachte Verpflegung auszupacken und auf dem Tisch im Abteil auszubreiten. Üblich sind Brot, diverse Wurstsorten, fetten Speck, ein paar hartgekochte Eier, Tomaten und diverse eingelegte Gemüse oder Pilze, sowie Obst. So mancher hat sich noch vor Antritt der Fahrt am Bahnhof noch mit frisch zubereiteten Blinis oder anderen Leckereien eingedeckt. Diverse Kecksdosen runden das mitgebrachte Sortiment ab. Wobei das alles gewissermaßen nur kleine Knabbereien darstellen. Steht zu befürchten, dass man vor Einbruch der Nacht unterwegs an keinem Bahnhof mehr hält um sich dort mit etwas “vernünftigem” versorgen zu können, bringt man noch nach Kassler-Art geräuchertes Huhn oder Schweinebraten mit. All das wird dann, soweit möglich, auf dem Tisch im Abteil ausgebreitet.

Die in jedem Russen tief verwurzelte Gastfreundschaft verbietet es, dieses mitgebrachte und ausgebreitete Nahrungsangebot als sein ausschließliches Eigentum zu betrachten. Jedem, der sich ins Abteil verirrt, wird selbstverständlich davon angeboten. Ausnahme: Huhn, Trockenfisch und Schweinebraten. Da man selber aber während der Fahrt auch mal hier und mal dort vorbei schaut, und selbstverständlich dann dort etwas angeboten bekommt, besteht nie das Risiko, dass man auf einmal ohne was zu futtern dasteht.

Absolutes Muss sind etliche Teebeutel, um sich einen heißen Tee aufbrühen zu können. Wofür es in jedem Wagon eine kleine Kochecke schräg gegenüber dem Dienstabteil der beiden Zugbegleiterinnen gibt. Dort wird 24 Stunden am Tag kostenlos frisch aufgebrühtes Wasser für den mitgebrachten Tee bereit gestellt:

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Im Hintergrund erkennbar der Heisswasserboiler,
rechts gegenüber befinden sich Dienst- und Ruheabteil der beiden Zugbegleiter

Alle paar Stunden macht der Zug unterwegs in irgendeinem Städtchen Halt. Wobei ein Zughalt unterwegs in einem russischen Bahnhof nicht wie in Deutschland eine 2-Minuten-Angelegenheit ist, wo alles rempelt und drückt um in der Kürze der Zeit raus bzw. rein zu kommen. Nein, in Russland nimmt man sich Zeit, weil man mal ausgiebig frische Luft schnappen möchte, auch wollen die Lokführer mal in Ruhe ein gewisses Örtchen aufsuchen. Weshalb ein Halt unterwegs so zwischen einer halben und durchaus auch dreiviertel Stunde dauern kann.

Diese längeren Aufenthalte sind bei allen Fahrgästen fest in der Lebensmittelversorgung für unterwegs eingeplant und werden ausgiebig genutzt:

Auf den Bahnsteigen warten Babuschkas und ortsansässige Kinder, um alles mögliche feilzubieten: Blinis, Trockenfisch, alles mögliche Gebäck, sei es herzhaft mit Fleisch oder Käse gefüllt, sei es mit süsser Füllung, frisches Brot, Honig und Marmeladen, Kompott, was auch immer.

Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie aus einem aus mehr als 20 Waggons bestehenden russischen Fernreisezug fast alle Fahrgäste aussteigen, sich hier und da mit allen möglichen Lebensmitteln versorgen, an einem der Kioske sich mit Zigaretten und/oder Wodka eindecken, oder einfach nur gemütlich draußen eine oder zwei Zigaretten rauchend:

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Irgendwo in früher Morgenstunde zwischen Moskau und Kaukasus

Wobei sich niemand für so einen Aufenthalt extra umgezogen hat. Der innerhalb des Zuges geltende Dresscode “Trainingsanzug und Pantoffeln” gilt selbstredend auch für sämtliche Aufenthalte unterwegs. Nur bei Regen oder Schnee zieht man sich etwas über.

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Mit Trockenfisch eingedeckt:

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Das danach durch sämtliche Wagons ein ganz intensiver Duft nach Fisch, Gebratenem, oder was auch immer zieht.

Der eine oder andere läuft auch schnell aufs Bahnhofsklo, da ja aufgrund des Zughalts sämtliche Toiletten wieder verschlossen sind. Was allerdings mit dem hochgradigen Risiko verbunden ist, dass der Zug zwischenzeitlich schon weiter gefahren ist. Denn auch bei den Zwischenstops gilt: Abfahrten des Zuges werden nicht angekündigt. Weder durch Lautsprecher, Signalpfeifen, was auch immer. So mancher Reisende, der auf dem Bahnsteig noch umständlich einen ihm genehmen Trockenfisch am aussuchen war, sah sich auf einmal der Situation ausgesetzt, dass sein Zug abfuhr. Und er stand dann da in Trainingsanzug und Pantoffeln... Kommt häufiger vor als man denkt.

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Zwischenstop in irgend einem Nest unterwegs,
auf dem gegenüber liegenden Gleis der Gegenzug von Stavropol nach Moskau.
Bahnsteige sind nicht unbedingt ebenerdig,
aufgrund der enormen Zuglänge kann es auch durch passieren,
dass die letzten Wagons weit außerhalb des Bahnsteigs auf freiem Gleis stehen.

 

Speisewagen

Nun haben russische Fernreisezüge selbstverständlich auch Speisewagen und es mag vielleicht verwundern, warum bislang von denen noch keine Rede war. Der Grund dafür ist einfach: der “Normalrusse” isst nicht im Speisewagen. Zum einen, weil es ihm da zu teuer ist, zum anderen, weil es ganz einfach zur Tradition gehört sich unterwegs selbst zu verköstigen. Weshalb die Russische Staatsbahn unabhängig von den Fahrplanzeiten immer häufiger die Aufenthalte unterwegs auf den Bahnhöfen verkürzt. Was ebenfalls für die Reisenden das Risiko erhöht, auf einmal einsam und verlassen auf dem bahnsteig zu stehen.

Wie auch immer, russische Speisewagen sind erheblich besser als ihr innerrussischer Ruf, und wir können jedem wirklich empfehlen, auch dort essen zu gehen. Die Preise mögen aus russischer Sicht überhöht sein, aus deutscher Sicht sind sie immer noch günstig. Zudem ist das Essen auch wirklich lecker, wir hatten nie Grund zur Kritik gehabt.

Im Speisewagen. Wir waren die einzigen Gäste dort:

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Man kann dort wirklich gemütlich sitzen. Insbesondere für die armen Kerle, die nur obere Betten haben, wäre der Speisewagen eine hervorragende Möglichkeit, dort entspannt sitzen, essen und trinken zu können. Zudem sind die Speisewagen neben den Wagon-Übergängen der einzige Bereich im Zug, wo man auch rauchen darf. Wie auch immer, das Personal freute sich jedesmal von Herzen, wenn wir dort auftauchten und nicht nur ein Bier tranken, sondern wirklich auch ausgiebig die Speisekarte rauf und runter ausprobierten.

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Meine Bitte, diese beiden schönen original Eisenbahn-Teegläser mitnehmen zu können, natürlich gegen Bezahlung, wurde leider nicht erfüllt.

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Womit wir beim nächsten Thema sind, was ansonsten bei so einer langen Zugfahrt alles zu beachten ist:

 

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