Während der Fahrt

Während einer Zugfahrt betrachtet ein Russe sein Abteil als sein Zuhause, wo er sich im Rahmen der Möglichkeiten weitestgehend wohnlich einrichtet. Was sich als erstes darin äußert, dass die Straßenschuhe ausgezogen werden und man in die mitgebrachten Pantoffeln schlüpft. Die in Russland übliche Sitte, auch außerhalb von zuhause seine Schuhe auszuziehen und in Pantoffeln rumzulaufen, wenn man sich irgendwo in einem privatem Umfeld aufhält, wird auch in Zügen beibehalten. Wobei es keine Rolle spielt, welche Jahreszeit außerhalb des Zuges vorherrscht. Und da man es in Russland in seinen eigenen vier Wänden zudem warm liebt, sind auch die Wagons ordentlich beheizt um eventuell gruseligen Außentemperaturen vorzubeugen. “Ordentlich beheizt” bedeutet an die 25 Grad. Weswegen man häufig die gesamte Garderobe wechselt und sich in heimisches “Räuberzivil” begibt. Welches meist aus irgendwelchen Trainingsanzügen besteht. Selbst junge Frauen, die sich üblicherweise draußen auf den Straßen ausschließlich nur höchst aufgebrezelt präsentieren, laufen in den Zügen in einer Schlabbergarderobe herum, die selbst bei hiesigen grünen “Sackträgerinnen” Verwunderung hervor rufen würde.

Der europäische Teil Russlands ist ziemlich flach. So flach, dass der Lokführer beim Ausfahren aus Moskau schon weit hinten am Horizont das Einfahrsignal des Stavropoler Bahnhofs sehen kann. Weswegen der Blick aus dem Fenster bei Zugfahrten im europäischen Russland nach einiger Zeit etwas eintönig werden kann, und die Mitnahme von Reiselektüre unbedingt zu empfehlen ist:

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Andererseits sieht es so aus, dass man als Ausländer und insbesonderer als Deutscher nicht wirklich auf Dauer Langeweile haben wird. Denn es spricht sich relativ schnell im Wagon rum, dass da ein “leibhaftiger” Deutscher mitten unter ihnen sitzt. Das Ausländer gerne mit dem Transsib fahren ist allgemein bekannt. Aber das ein Ausländer es sich antut, mit dem Zug von Moskau zum Kaukasus zu fahren, und dazu auch noch in der “Platzkart”, trifft nur auf Verwunderung. So einen Burschen muss man unbedingt kennen lernen ! Also schaut immer mal jemand rein und fragt nach dem woher, wohin, und vor allem nach dem Warum. Natürlich gibt es auch in Russland Eisenbahnromantik, und man ist auch stolz auf seine Eisenbahn. Aber niemand in Russland käme auf den Gedanken mit dem Zug zu fahren, und erst recht nicht in der “Platzkart”, wenn man das Geld bzw. die Möglichkeit für einen Flug hätte. Da Verständnis rüber zu bringen ist nicht immer einfach.

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Vorbei an so manchen kleinen Dörfern

Übrigens, je nach Fahrtstrecke zwischen Moskau und Stavropol kann es auch passieren, dass der Zug ein Teilstück durch die Ukraine fährt bzw. das die Bahnstrecke die Grenze zwischen Russland und Ukraine bildet. Allerdings gibt es auf diesen Streckenabschnitten keine Bahnhöfe oder Stops.

Nun besteht eine Zugfahrt nicht nur aus Essen, Trinken, Lesen, Schlafen, unterwegs etwas einkaufen, oder mit Mitreisenden über Gott und die Welt und (in Russland unvermeidliches Thema) den ollen “Gitler” zu diskutieren. Ab und zu überkommt einen naturgemäß ein gewisses menschliches Bedürfnis, weswegen eine gewisse Örtlichkeit aufgesucht werden muss. Womit man mit der absoluten Herausforderung konfrontiert wird:

ZUGTOILETTE

Zum einen dürfte Toilettenpapier fehlen, und falls doch vorhanden: russisches Toilettenpapier ist so hart und rauh, dass es üblicherweise als Schmiergelpapier in der industrie Verwendung findet. Toilettenpapier gehört zu den wenigen Dingen, wo russische Ingenieurskunst bislang kläglich versagte. Weswegen die Mitnahme von (deutschem) Toilettenpapier wärmstens zu empfehlen ist:

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Zum anderen zeichnen sich russische Zugtoiletten dadurch aus, dass sie nicht wirklich sauber ist, obwohl die zu jedem Wagon gehörenden zwei Zugbegleiterinnen ihr Bestes tun, alles sauber zu halten. Wobei das Sauber machen sich so gestaltet, dass alle paar Stunden recht feucht durch die Toilette gewischt wird. Letztendlich sieht das dann so aus, dass das Schuhwerk nach einem Toilettenbesuch immer eine gewisse Feuchtigkeit aufweist. Egal von welcher Art von Feuchtigkeit...

Die in Russland übliche Sitte, einen Zug als sein Zuhause anzusehen bedeutet zwangsläufig, dass man auch im Zug wie zuhause seine Schuhe auszieht und in Pantoffeln rumläuft. Was bei denjenigen dann nach einem Toilettenbesuch zu feuchten Pantoffeln führt. Ich erlaube mir bei sämtlichen Zugfahrten in Russland meine normalen Schuhe während der gesamten Fahrt anzubehalten.

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Wozu die Noppen auf der Toilettenbrille angebracht sind vermochte mir niemand sagen zu können. Vielleicht um beim Bremsen des Zuges ein abruptes Abrutschen zu vermeiden. Wobei sie aufgrund der Formgebung tatsächlich den Eindruck erwecken, dass sie ein Abrutschen vermeiden sollen. Allerdings für jemanden, der auf der Toilettenbrille steht. Wobei die Vorstellung, dass jemand während holpriger Fahrt auf den Toilettendeckel steigt um dann von dort oben sein Geschäft zu erledigen, irgendwie bizarr erscheint. Wie auch immer, jedenfalls dürfte es nicht leicht sein, die Zwischenräume zwischen den Noppen wirklich sauber machen zu können...

Egal ob man 1.Klasse, 2.Klasse oder Platzkart fährt, die Toiletten befinden sich für alle immer am hinteren Ende eines Wagons. Vorne sind dort an gleicher Stelle das Dienstabteil der beiden Zugbegleiterinnen sowie die kleine Teeküche, wo während der gesamten Fahrt heißes Wasser für Tee zur Verfügung steht. Nicht ständig während der gesamten Fahrt steht allerdings die Toilette zur Verfügung. Da es sich um Plumpsklos handelt, dessen Inhalt direkt auf die darunter liegenden Gleise fällt, ist die Benutzung in Bahnhofsbereichen verständlicherweise untersagt. Allerdings ist die Benutzung auch untersagt, wenn der Zug durch Stadtgebiet fährt. Was im Einzelfall kritisch werden kann, wenn der Zug, wie z.B. in Moskau, fast eine Stunde braucht bis er vom Stadtrand endlich am Bahnhof ankommt. Weswegen, um einer unerlaubten Benutzung vorzubeugen, die Toiletten von den Zugbegleiterinnen bei Annäherung einer Stadt grundsätzlich abgeschlossen werden. Erahrene Reisende haben deshalb immer einen Reisefahrplan dabei wo sämtliche Zugstops aufgelistet sind, damit man weiß, wann man spätestens die Toilette aufsuchen muss. Und auch wenn ein Toilettengang einen Überwindung kostet, es ist wirklich empfehlenswert etwas häufiger drauf zu gehen, als u.U. während eines zweistündigen Stops überhaupt keine Möglichkeit dafür zu haben.

Eine ähnliche Herausforderung ist es auch, sich im Zug zu waschen:

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http://www.rupoezd.ru/vagon/platskart.php


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Die Mitnahme von reichlich Erfrischungstüchern sein hier sehr empfohlen.

 

Mit Ausnahme in den Speisewagen ist der Bereich vor den Toiletten iübrigens der einzige Bereich in russischen Zügen, wo geraucht werden darf. Weshalb sich da Tag und Nacht dort ein munteres Völkchen einfindet und über Gott und den Sinn des Universums plaudert. Insofern ist deshalb auch eindringlich zu empfehlen, für seine Fahrt kein Abteil in der Nähe der Toilette zu wählen.

 

Und dann, nach an die 32 bis 35 Stunden Zugfahrt und zwei Nächten auf Achse ist man endlich in den frühen Morgenstunden da:

 

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